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    Wasser – Formen

    Wasser – Formen

    Arno Christian Schmetjen

    Wasser – Formen | Ausstellung von Art.iS 2008 Arno Christian Schmetjen o. T.

    Ausstellungseröffnung
    31. Januar 2008 |18:30 Uhr

    Begrüßung: Klaus Humml, Art.iS

    Laudatio: Ralf Schleiff, Kulturjournalist

    Gesang: Victoria Perskaya

    Ausstellungsdauer
    1. Februar 2008
    bis 21. März 2008

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    Die Einladungskarte zur Ausstellungseröffnung am 31. Januar 2008 kann hier als pdf-Datei geladen werden.

    Texte zur Ausstellung

    • Schichtwechsel

      Kunst ist nicht ein-deutig. Das heißt nicht nur, dass jeder sie anders deuten mag, sondern vor allem, dass sie gleichzeitig das eine und das andere sein kann – ganz privat und von höchster Allgemeingültigkeit, naiv und raffiniert, rational und vom Gefühl bestimmt, frei und strengen Gesetzen unterworfen. Sie kann scheinbar unvereinbare Gegensätze in einem Begriff, einem Bildmotiv, ja einem Strich oder einer Farbe zur Harmonie bringen – Nähe und Ferne, Banalität und Tiefsinn, übermütigen Witz und tiefsten Ernst, grenzenlose Freude und abgrundtiefe Trauer, Narrheit und Weisheit, Werden und Vergehen, Tod und Leben. Hat man eine dieser gegensätzlichen Harmonien entdeckt, kommt man dem Verständnis eines Kunstwerks ein Stück näher.

      Arno Christian Schmetjen benutzt ein einfaches Mittel, um Gegensätzliches in Beziehung zueinander zu bringen: Die Schichtung. Er setzt es auf so unterschiedliche Arten ein, dass deren Verwandtschaft zunächst gar nicht auffällt. Gemälde, Tuschearbeiten und Collagen scheinen kaum Gemeinsames zu haben. Und tatsächlich sind sie in der Ausübung auf Wechsel angelegt, entstehen räumlich getrennt, sind von der jeweiligen Ateliersituation abhängig und sollen auch inneren Abstand zur anderen Technik herstellen.

      Die Malerei beginnt gestisch, ganz irrational. Die Farben überlagern sich in einem langen Prozess, bis irgendwann eine Formsetzung als notwendig empfunden wird. Mit fast konstruktiver Kühle werden Linien in das Bild gezogen, Flächen begrenzt und Farben zusammengeschlossen. Aber über alles legt sich dann noch einmal ein Schleier. Ist es ein Misstrauen dem Gestischen oder der Form gegenüber? Vielleicht ist beides der Fall, und beides hebt sich im Zutrauen zu den gegensätzlichen Mitteln auf. Denn die Schichten verdecken sich nicht vollständig. Irgendwo – und sei es in der Malstruktur – drängen die Energien der unteren Schichten an die Oberfläche. Es sind gebändigte Energien, wie es bei dem stillen, sensiblen und eher nachdenklichen Künstler nicht verwunderlich ist.
      Dem scheinen die Tuschearbeiten zu widersprechen. Sie sind kontrastreicher. Vehement hingesetztes Schwarz und Rot. Aber der Grund ist Chinapapier, und zwischendurch wird die Seite gewechselt, mehrere Blätter überlagern sich. Je nach dem, was man als Vorderseite ansieht, wird das Schwarz zu Grau, das Rot zu Rosa. Der Kontrast wird durch das milchige Weiß des Papiers vermittelt. Werden die Arbeiten transparent aufgehängt, ergeben sich weitere farbliche Abstufungen und ganz neue Bilder. Zum Vorgang des Malens kommt der des spielerischen Kombinierens der Schichten hinzu – ein Element des gesteuerten Zufalls.

      Zudem ähnelt dieses Vorgehen der Collagetechnik, bei der mit fertigen Elementen gearbeitet wird. Deren Auswahl und Zusammenstellung ist der eigentliche schöpferische Akt. Hier allerdings werden die Einzelelemente aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen, oft fragmentiert, und in einen ganz neuen, manchmal verblüffenden, jedenfalls aber nicht vorgegebenen Zusammenhang gebracht. Mit Sorgfalt wählt Schmetjen die einzelnen Bausteine, bedenkt die Materialkontraste, ihre Schichtung, bearbeitet manche Elemente enkaustisch – mit eingebranntem Bienenwachs – oder erzeugt durch zeichnerische Eingriffe Balancen.
      In all diesen unterschiedlichen Arbeiten vereinen sich Bewegung und Ruhe, Ausuferndes und Eingrenzendes, frei  schweifende Empfindungen und Konzentration, und das jeweils dem Arbeitsvorgang und dem Raum entsprechend. Bei den großformatigen Bildern, die im Atelier entstehen, ist die Bewegung am stärksten: ein Hin und Her vor der Fläche ist nötig, ein Vor und Zurück für den kontrollierenden Blick. Ruhepausen und Nachdenken sind meist eine Herausnahme aus der Arbeit, und danach kann eine neue Schicht des Bildes beginnen.

      Bei den Zeichnungen sind die Bewegungen im kleineren Raum enger begrenzt aber noch lebhaft, und die kontemplative Phase des Wählens und Kombinierens erhält ihren eigenen Gestaltungswert. Bei der Arbeit an den Collagen im engen Refugium, voll gestopft mit Materialien und Büchern, im begrenzten Bewegungsradius am Tisch, herrschen Ruhe und Kontemplation vor.
      Die fertigen Werke verraten noch immer etwas vom Wesen des Künstlers und von den Umständen ihrer Entstehung, die wiederum von jenem geprägt sind. Die Einheit von Kunst und Leben ist hergestellt. Freilich nicht dadurch, dass die Kunst in das Leben eingreift oder sich in ihm auflöst, weil sie nichts anderes mehr ist als Leben, sondern indem das Leben im Kunstwerk aufgehoben ist und in ihm einen neuen, bleibenden Ausdruck gefunden hat.

      Andreas Hüneke
      Kunsthistoriker, Potsdam, 2001

    • Jan Voss, Hertha Müller und Arno C. Schmetjen

      … nach einem Studium Freie Kunst an der FH Hannover lebt er seit 1994 in Werder an der Havel. Er ist ein stiller, sensibler und nachdenklicher Künstler – mit bemerkenswert vielen Förderpreisen, so dem Kunst -Zeit-Preis der Stadt Stade, dem Arbeitsstipendium Waschhaus Potsdam, dem Buddenbrook-Haus-Stipendium, Lübeck, dem Käthe-Dorsch Stipendium, Berlin, dem Stipendium Kunstverein Röderhof und, vor zwei Jahren, dem Förderpreis für Bildende Kunst des Landes Brandenburg.

      Als Mitbegründer der Gruppe NORA, der er von 1993 bis 1997 angehörte, arbeitete er anfangs expressiv, nahm den Ausdruck mehr und mehr zurück, bis zu einer heute eher meditativen Art, vor allem in seinen graphischen Arbeiten. Dennoch zeigen auch heute noch große Werke oft einen vehementen Ausdruck, zumindest in der rauhen, ja manchmal klobigen Bearbeitung mit Sägen oder Bohrern, da man – Originalton Arno Schmetjen – »denen ansehen soll, dass sie was durchgemacht haben.«

      In seinen kleinformatigen Collagen oder Zeichnungen sieht man jedoch seine eher introvertierte, zurückhaltend norddeutsche Natur. Wie Hertha Müller arbeitet er mit Wachs, nicht als zu Zumischung, sondern in der anspruchsvollen antiken Form der Enkaustik, bei der mit Wachs verbundene Farben heiß auf den Untergrund aufgetragen werden.
      Seine scheinbar so abstrakten Bilder geben aber nie den Bezug zu Gegenständen preis .Zum Vorgang des Malens kommt das spielerische Kombinieren der Schichtung, ähnlich der Collage. Er benutzt es als einfaches Mittel, um Gegensätzliches in Beziehung zu setzen.
      Zudem verwendet er gefundene Objekte oft  serienhaft, wie zum Beispiel Landkarten-Teile zu Potsdam, Berlin und Umgebung. Oder es sind ostasiatische Illustrationen, die in dem Fall eine taoistische Anmutung verstärken.

      Und da Lao Tse für Schmetjen eine große Bedeutung zu haben scheint, sei er hier zitiert:
      »Dreißig Speichen treffen die Nabe, die Leere dazwischen macht das Rad.
      Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen, die Leere darinnen macht das Gefäß.
      Fenster und Türen bricht man in Mauern, die Leere damitten macht die Behausung.
      Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes,
      das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.«

      Schmetjens Gemälde, seine Tuschezeichnungen und Collagen zeigen nicht nur unter-schiedliche Ausdrucksformen, sie entstehen auch räumlich getrennt in verschiedenen Ateliers, gleichsam in unterschiedlichen Welten.
      Dass seine Arbeiten selten Titel haben erklärt er selbst so: »Die Freiheit liegt im Auge des Betrachters, der zwischen den Zeilen lesen soll.«

      Wir sind also zu aktiver Mitarbeit aufgefordert.

      Hartmut Ackermeier
      Auszug aus der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung, Galerie Georg Nothelfer präsentiert im ZENTRALVERBAND DES DEUTSCHEN HANDWERKS, Berlin, 10. September 2003

    • Einfach nur hinschauen: »Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild«

      Der Maler Arno Christian Schmetjen ist für die Potsdamer schon lange kein Unbekannter mehr. Besonders durch seine Serigraphien (Original-Siebdrucke) erregte der Künstler, der an der Fachhochschule in Hannover Freie Kunst (Grafik/Malerei) studierte große Aufmerksamkeit.
      In seiner Ausstellung »EIN BILD IST EIN BILD IST EIN BILD« hat er seine Serigraphien um einige Blätter erweitert. Und wieder verblüfft Schmetjen den Betrachter durch seinen spielerischen und doch so konzentrierten Strich, der es versteht, auf das sparsamste, Momente einer künstlerischen Verdichtung heraufzubeschwören. Frei vom Zwang zur Gegenständlichkeit geben seine scheinbar so abstrakten Bilder nie den, wenn auch sehr vermittelten Kontakt zur gegenständlichen Welt preis. Wie in der hochstilisierten japanischen Kalligraphie versucht Schmetjen mit seinen ganz verschieden geführten Strichen Spannungen aufzubauen oder eine Dynamik zu erzeugen, die sich unmittelbar auf den Betrachter überträgt, ohne dass jener zu einer hintergründigen Sinnsuche animiert werden soll. Mit schwarzen und roten Zeichen schafft er Gegensätze, die in ihrem Zusammenspiel zu einer oft überraschenden Harmonie finden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der Siebdruck, der auch für die Ausstellungskarte gewählt wurde.

      Über einem roten Balken gleichsam als Horizont, schwebt ein schwungvoller, schwarzer Pinselstrich, der sich zur Ahnung einer oben offenen Ellipse formt, an deren einen Seite ein schwarzer Punkt gesetzt wird, den man leicht zur Kugel phantasiert, die in das flache Tal der Ellipse rollen will, um darin aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem verbliebenen Schwung wieder zurückzurollen. Die dynamische Konstruktion in Schwarz steht gegen die monolithisch ruhende Form in Rot. Ein jedes Bildelement verstärkt den Ausdruck des anderen, schürt die Spannung und hebt sie doch gleichzeitig in eine beruhigende Harmonie auf.

      Mit all seiner Konsequenz wird Schmetjen jedoch nie verbissen. Immer bleibt das Spielerische in der Komposition bewahrt, das immer wieder, auch ausgelassenen Witz verrät.

      Ralf Schleiff
      Kulturjournalist, Potsdam