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    Takt und Terror

    Takt und Terror

    Medien- und Kunstfreiheit im Dialog der Kulturen

    Seit den Pariser Terroranschlägen gegen die Redaktion von »Charlie Hebdo«, fast gleichzeitig gegen Menschen in einem jüdischen Supermarkt, ja, bereits seit den Hinrichtungsfotos von Geiseln des IS ist der Zivilisationsbruch unübersehbar und die »große Familie der Menschen« (Roland Barthes) eine aufgeschminkte westliche Fiktion. Was also tun? Diskutieren.

    Diskussion am 7. Februar 2015 in Berlin | ver.di Bereich Kunst und Kultur Ludwig Rauch Medien- und Kunstfreiheit im Dialog der Kulturen  – v.l.n.r.: U Janßen, H.Bleicher-Nagelsmann, A. Mazyek

    So sprachen Künstler und Journalisten in ver.di denn auch am Rande ihrer Wahlkonferenzen am 7. Februar 2015 auf einem Kulturforum in der Berliner Bundesverwaltung über das Thema »Medien und Kunstfreiheit im Dialog der Kulturen«. Auf dem Podium saßen der dju-Vorsitzende Ulrich Janßen, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, und Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bereichsleiter Kunst und Kultur der ver.di. Der Schriftsteller Adel Karasholi hatte krankheitsbedingt abgesagt. Seine Kollegin Regine Möbius, Bundeskulturbeauftragte der Gewerkschaft, las einige Gedichte Karasholis.

    Was also tun? Aufklärung und Diskurse seien nötig angesichts der »neuen Qualität« der Auseinandersetzung, war man sich mit Ulrich Janßen einig. Tatsächlich erinnerte ein Schriftsteller später – die Diskussion hatte schnell den Saal erfasst – an Lessings »Nathan«. In diesem Sinn sahen alle in den überwältigenden Demonstrationen der Zivilgesellschaft in Paris und auch am Brandenburger Tor »eindrucksvolle Zeichen der Verbundenheit«, so Mazyek: Gemeinsam dürfe man nicht zulassen, dass mit terroristischen Anschlägen ein Keil  in die Gesellschaften getrieben werde. Die jüngst entstandenen oder gestärkten Netzwerke und die Demonstrationen für ein offenes Deutschland seien große Ermutigungen.

    Gleichzeitig konstatierte Mazyek eine Zunahme von antisemitischen Schmierereien, tätlichen Übergriffen und fremdenfeindlichen Aktivitäten nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Imre Török, zum Zeitpunkt noch VS-Vorsitzender, zeigte sich »beunruhigt«, dass an der Oberfläche des Diskurses fortwährend religiös argumentiert würde, jedoch »ein enormes Erstarken des Faschismus« zu beobachten sei. Seine Kollegin Gerlinde Schermer-Rauwolf plädierte gleichfalls für eine scharfe Trennung zwischen Religion und Terror und sprach sich für dafür aus, Rassismus hart zu belangen.

    Und die »Schwestern« Medien- und Kunstfreiheit? Sie mäanderten ein wenig durch die Diskussion. Ulrich Janßen schilderte anfangs klar, was auf dem Spiel steht – wenn die Pressevielfalt eingeschränkt, ein Presseauskunftsrecht weiter verhindert, der Druck auf ausgedünnte Redaktionen erhöht und das Klima bei uns so feindlich wie in Frankreich würde, dass der Opportunismus über die Meinungsfreiheit siege. Er wies u.a. auf die Todesanzeigen hin, die Rechte ins Netz setzten, um Journalisten einzuschüchtern. Auch die Freiheit der Kunst steht im wahrsten Sinn des Wortes unter Beschuss: Satire müsse wehtun, sagte eine Teilnehmerin im Saal, aber es gebe Takt. Auch Tabus. Dies meinte wohl auch die Musikerin Brunhilde Fischer, als sie vom kleinsten Nenner »Menschlichkeit« sprach. – Das Forum, keine vertane Zeit.

    bal

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    Entnommen der Zeitschrift »kunst+kultur« der ver.di