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    Lernort Betrieb

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    Bildung mit Durchblick stillkost-fotolia.com Durchblick

    Entwicklungsperspektiven für die duale Ausbildung in Betrieb und Studium

    Die Hans-Böckler-Stiftung hat für das Projekt „Betrieb lernen“ an Universitäten und Institute Forschungsaufträge vergeben. Die Tagung im Februar in München diente zum einem zum wissenschaftlichen Austausch der Studienergebnisse und zum anderen der Diskussion über den Praxisbezug.

    Einig war man sich darin, dass man in der betrieblichen dualen Ausbildung weitaus mehr Sozialkompetenzen erwirbt als bei einer schulischen Ausbildung oder reinem Studium. Gerade diese Kompetenzen sind in einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt von hoher Bedeutung und ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Erwerbstätigkeit. Einige meinten gar, dass der Höhepunkt der Akademisierungswelle bereits überschritten ist, vielfach sind junge Menschen mit Studienabschluss gefrustet, weil sie keinen äquivalenten Arbeitsplatz erlangen können.

    Fachhochschulen drängen zunehmend in die Ausbildung und sehen dies als Geschäftsmodell. Im Gegensatz zur betrieblichen dualen Ausbildung, die von den Sozialpartnern gut geregelt ist, besteht beim dualen Studium Handlungsbedarf. Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger, jedoch fehlen hier die begleitenden Unterstützungsmaßnahmen.

    Johannes Kolb, Geschäftsführer Agentur für Arbeit München, bedauerte, dass der Lernort Betrieb für die meisten Jugendlichen an Bedeutung verloren hat und stattdessen ein Studium im Vordergrund stünde. In seinem Vortrag „Chancen betrieblichen Lernens und Perspektiven der beruflichen Bildung“ zeigte Matthias Anbuhl, Abteilungsleiter Bildungspolitik im  DGB, die verschiedenen Bildungstrends auf. Einerseits würden mehr lernschwache Schüler eine duale Ausbildung beginnen, andererseits ist die Zunahme der Studenten ungebrochen.

    Das deutsche Modell der dualen Ausbildung wird mal als Exportschlager und mal als Auslaufmodell gesehen. Für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen und zur Ausbildung für hochwertiger Facharbeit habe sich der Lernort Betrieb bestens bewährt. Leider landeten jedoch Jugendliche mit dem größten Zusatzbedarf in den schlechtesten Ausbildungsstätten. Viele duale Studiengänge seien sehr betriebsbezogen. Hier fordert der DGB Mindeststandards.

    Rita Meyer, Professorin an der Leibniz-Universität Hannover, betonte ebenfalls den hohen Stellenwert des Lernorts Betrieb in einer berufsförmig organisierten Arbeitswelt. Heute finde die Ausbildung zwischen traditioneller und moderner Form der Beruflichkeit statt. Nirgendwo werde Erfahrungswissen und Flexibilität besser vermittelt. Bemängelt wurden von ihr eine Intransparenz der betrieblichen Bildung und die Nichtregulierung in der Weiterbildung. Auch entziehen sich duale Studiengänge der berufsförmigen Regulierung, dies betreffe immerhin rund 100.000 junge Menschen.

    Das deutsche Beschäftigungssystem ist ein berufsfachlicher Arbeitsmarkt, so Axel Haunschild, auch Professor an der Leibniz-Universität Hannover. Anlerntätigkeiten werden zum Beruf, wie die Systemgastronomie. Betriebliche Lernmöglichkeiten sind als Bestandteil des Gebrauchswertes von Arbeit zu sehen. Als eine Herausforderung wird die Kompetenzentwicklung, die auf ungleichen Bildungschancen basiert, gesehen. Betriebliche Bildung unterliegt im Kontext der beruflichen Organisation von Arbeit in Deutschland der Mitbestimmung und fördert die Chancengleichkeit, so das Fazit Haunschild.

    Tobias Ritter, ISF München, berichtete von der empirischen Studie „Betrieb lernen“ mit dem Schwerpunkt des Organisationales Arbeitsvermögens und der dualen Berufsausbildung (Studium). Selbst mit Studium fehle der Bezug zur betrieblichen Realität, vor allem wenn keine Praxis vorliege und der Einstieg nach dem Studium nicht gelingt. Sein Fazit war, dass gerade durch den technologischen Wandel die Grundkompetenzen der dualen Ausbildung erforderlich sind. Durch die Digitalisierung werden vor allem Un- und Angelernte sowie Absolventen ohne betriebliche Praxis schlechtere berufliche Chancen haben.

    Sirikit Krone von der Universität Duisburg-Essen informierte aus der Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) zu den dualen Studiengängen. Schwerpunkt der Befragung waren Ingenieur- und Wirtschaftswissenschafte. In diesem Bereich hat sich die Zahl der Studierenden auf zirka 100.000 verdoppelt. Im dualen Studium gibt es die unterschiedlichsten Studiengänge, mit oder ohne Berufsabschluss. Zum Ablauf gibt es das Blockmodell, ein integriertes Modell und ein teilsepariertes Modell. Immer sind es zwei Lernorte. Krone sieht großen Handlungsbedarf bei der Qualität von Ausbildung und Studium, beim Konzept der dualen Ausbildung und bei den Kooperationsmodellen mit den Hochschulen. Hauptmotiv der Unternehmen für ein duales Studium ist übrigens die Rekrutierung von Führungskräften. Die Studierenden waren größtenteils zufrieden, auch durch Übernahmeregelungen und soziale Absicherung, die zeitliche Abstimmung zwischen Theorie und Praxis wurde jedoch kritisiert.

    Jost Buschmeyer, GAB München, stellte am Beispiel seines Projektes produktionsbezogene Nachhaltigkeitskompetenz (ProNak) die aktive Verknüpfung von Fachwissen und Erfahrungswissen in Form von Workshops dar. Mitarbeiterbeteiligung gehört heute zur guten Firmenkultur, ist aber durch die Begriffe Humankapital und Ressource Mitarbeiter meist negativ belegt. Der Mitarbeiter ist zum Gestalter, als Subjekt seiner Arbeit, zu entwickeln. Dadurch verbessert sich die Problemlösefähigkeit und Kommunikation.

    Betriebe sind mit betrieblicher Weiterbildung zurückhaltend, weil die Gefahr der Abwanderung bestehe, so Barbara Lindemann, LMU München, zum Thema Lebenslanges Lernen in Organisationen der beruflichen Bildung. Auch zwischen den Organisationen Schule und Betrieb haben Kooperationen Vorteile. Heute stehen sie oft im Spannungsfeld zwischen Kooperation und Konflikt.

    Dieter Nittel, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, sieht Anforderungen an eine pädagogische Organisation der betrieblichen Bildung für lebenslanges Lernen. Daraus entwickele sich eine gesellschaftliche Aufgabe.

    Stefanie Hiestand, IfBE, Leibniz-Universität Hannover, hat für ihr Projekt zwei gegensätzliche Beispiele gewählt, familiengeführte Brauereien und moderne IT-Unternehmen. Sie untersuchte dabei die Verknüpfung von Kompetenz- und Organisationsentwicklung als strategisches Gestaltungsmoment individueller und betrieblicher Lernprozesse. Allen Befragten war eine echte betriebliche Partizipation wichtig, eine große Veränderungsenergie und –bereitschaft war vorhanden. Durch Top-Down-Maßnahmen werden diese jedoch ausgebremst. Eine lernförderliche Arbeitsgestaltung, Arbeit zwischen Routine und Kreativität, weder über- noch unterfordert, war auch allen gleichermaßen wichtig. Die Brauer sehen ihre berufliche Identität mit dem Unternehmen und der Inhaberfamilie, die IT-ler in ihrem Beruf und Produkt (Meine App). Auch würden die IT-ler für ihre individuellen Entwicklungsmöglichkeiten gerne privaten Nutzen ziehen. Als Fazit kann man sagen, dass die Bedürfnisse der Mitarbeiter in modernen Firmen denen in der traditionellen Industrie doch sehr ähnlich sind.

    In ihren Vortrag zum Projekt “Bildungsrelevante Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf und betriebliche Arrangements“ kritisierte  Yvonne Lott, Hans-Böckler-Stiftung, die starke Ungleichheit im Zugang zu betrieblicher Weiterbildung. Gefördert würden vornehmlich Hochqualifizierte, Mittel- und Niedrigqualifizierte würden oft vernachlässigt. Mitarbeiter mit flexibler Arbeitszeit sind hier im Vorteil. Bildungsurlaub als Notnagel für fehlende, betriebliche Weiterbildung, wird aus verschiedenen Gründen (Personalmangel, Folgen für das Team, Teilzeit) meist nicht genutzt.

    Judith Neumer, ISF München, hat in ihrem Forschungsprojekt das Lernen durch Arbeit, bezogen auf die Ingenieursarbeit in Großunternehmen, untersucht. Dabei ging es um die Weitergabe des Erfahrungswissens. Die Bereiche Produkt, Prozess, Kultur, sowie Soziales/Persönliches umfasst die Dimension des erfahrungsbasiertem Kontextwissens. Insbesondere für den Ingenieurnachwuchs sind hier Ermöglichungsstrukturen erforderlich. In einer hochqualifizierten, selbstverantwortlichen Tätigkeit ist Lernen durch Arbeit vorgesehen, aber Kennzahlenorientierung, Null-Fehlerkultur, Zeitdruck, nur um einige zu nennen, sind dabei Lernhemmnisse. Sie fordert als Ergebnis ihrer Studien ausreichende Einarbeitungszeiten und -pläne, sowie persönliche Übergaben. Nicht alles lässt sich in Datenbanken ablegen.

    Durch die Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern sich die Kompetenzprofile, Jobs mit hohem Anteil an Routinetätigkeiten werden automatisiert. Da zukünftig der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern nicht allein durch Hochschulabsolventen zu befriedigen ist, sollen Facharbeiter entsprechend weiterentwickelt werden. Daraus entsteht die Anforderung an agiles Lernen, das heißt, alternierende Phasen von Lernen, Anwenden und Anpassen. Jörg Longmuß und Benjamin Höhne haben dies im Projekt Brofessio (www.brofessio.de) untersucht und in zwei Unternehmen mit der Zielgruppe Meister und Techniker als Praxisbeispiel durchgeführt. Mittels Scrum-Logik mit klarer Rollenverteilung (Auftraggeber, Team, Coach) wurden die Mitarbeiter in realen Arbeitsprozessen entwickelt.

    Die Beruflichkeit durch Fachkräfte sei das Geheimnis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit in der globalisierten Welt, wo überall die gleichen Technologien zur Verfügung stehen so Grhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen. Die Ausbildungskosten rechnen sich, wenn man geringere Rekrutierungsaufwand, weniger Führungskräfte und weniger Kontrolle gegenrechnet. Die geringste Jugendarbeitslosigkeit bestätigt den Vorteil des Starken Berufsbildungssystems.

    Die wachsende Bedeutung der Facharbeit zeige sich am Rückgang der angelernten Kräfte im deutschen Arbeitsmarkt. Wir befinden uns im Übergang von der fachlich/ hierachischen zur dezentralen/ prozessorientierten Arbeitsorganisation. Damit einher gehe die Veränderung des betrieblichen Lernens von der Lehrgangsorientierung zur Auftragsorientierung.

    In der zunehmenden Akademisierung sieht Prof Bosch kein Fahrstuhl nach oben, oft hat dies nichts mit dem Arbeitsmarkt zu tun, sondern mit der Erosion des Berufsbildungssystems. Zunehmend warnte er vor der Gefahr der unterbewerteten Beschäftigung von Akademikern. Benötigt wird ein Akademikeranteil von etwa 20 Prozent

    Für die aktuellen Herausforderungen mit Industrie 4.0 sieht er in der breiten Ausbildung die entscheidende Basis. Dies zeigt sich auch darin, dass bereits heute ein zu großes Angebot an gering Qualifizierten für den Arbeitsmarkt bestünde. Ein Problem stelle die sinkende Tarifbindung mit der entsprechend schlechten Lohnentwicklung dar. Seine Forderung lautet daher „Gute Löhne für gute Facharbeit“. Wenn dies nicht gelingt, werden die jungen Menschen weiter ins Studium flüchten. Eine weitere Gefahr sieht er, dass Hochschulen zunehmend die Berufsausbildung übernehmen.

    In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden vor allem die Unterschiede in Qualität und Lohn der Ausbildung bemängelt. Während in der Industrie etwa sieben Prozent der Azubis durchfallen, sind es in der Gastronomie die Hälfte. In Ostdeutschland arbeiten 40 Prozent der beruflich Ausgebildeten für unter zehn Euro pro Stunde, dies sei nicht gerade Werbung für die berufliche Ausbildung. Die idiologische Blockade der Arbeitgeber wurde hier kritisiert.

    Bosch forderte eine finanzielle Belohnung für Weiterbildung in Form eines Erwachsenen-Bafög.  Eine unabhängige Weiterbildungsberatung wünscht sich Matthias Anbuhl. Und der Betriebsrat Peter Áldozó fordert, lebenslanges Lernen als Lernkultur im Betrieb zu verankern.

    In ihrem Schlusswort, wo der Betrieb als  gesellschaftspolitische Integrationsinstanz herausgestellt wurde, betonte Sabine Pfeiffer, Universität Hohenheim/ISF München, die Bedeutung des Lernortes Betrieb. Der Betrieb sei ein unersetzbarer Lernort, er schaffe soziale Beziehungen. Nirgendwo sei die Beruflichkeit besser zu erlernen. Allerdings wird der Betrieb auch als verschmähter Lernort gesehen. Dies werde sich jedoch ändern, wenn Studierende enttäuscht sind. Der Wandel in der Arbeitswelt war bereits in den vergangenen Jahren gravierend und wird von gut ausgebildeten Mitarbeitern leichter bewältigt werden. Bedenklich ist, dass durch Outsourcing sich Betriebe und damit auch soziale Netzwerke auflösen.

    Einige Zahlen zur Statistik für Deutschland:

    • 43,9%  haben eine Berufsausbildung
    • 17,2% mehrere Berufsausbildungen
    • 17,6% Berufsausbildung + Studium
    • 13,9% nur Studium
    • 7,3% ohne Berufsabschluss

     Ulrich Bareiß