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    Frauen in Kultur und Medien

    Frauen in Kultur und Medien

    Statement
    des Bundesfachbereichsfrauenvorstandes Medien, Kunst und Industrie
    vom November 2016

    Die Avantgarde in Sachen Gleichberechtigung?

    Schön wär's. Die gleichnamige Langzeitstudie des Deutschen Kulturrates gibt über 20 Jahre bis 2015 einen »Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge«. Sie belegt in Zahlen: Frauen haben zwar beruflich deutlich aufholen können, aber nach wie vor klafft ein unübersehbarer Graben zwischen den beruflichen Chancen und Einkommen der Geschlechter. Die (fortlaufende) Studie nimmt die verschiedenen Bereiche der beruflichen Entwicklung ins Visier von der Berufswahl, Qualifizierung, dem Aufstieg in leitende Funktionen und Vertretung in Gremien bis hin zu den Verdienstunterschieden.

    Im Ergebnis zeigt sie ein durchweg differenziertes, nicht einheitliches Bild. Vereinfacht zusammengefasst: Frauen sind keineswegs schlechter qualifiziert, wie die Zahlen der Hochschulabsolventinnen belegen. Allerdings zeigt sich in Kultur und Medien bereits bei der Berufswahl eine »geschlechtsspezifische Segreation«: »Typische Frauenberufe sind der Einzelhandel mit Büchern, Musikalien oder Kunst, Medien-, Bibliotheks- und Informationsdienste, Bühnen- und Kostümbildnerin oder Requisite«, so Gabriele Schulz vom Deutschen Kulturrat. Männer neigen eher zur Moderation oder zu technischen Berufsfeldern wie Kamera- oder Tontechnik. Einen zunehmend höheren Anteil stellen Frauen auch unter den Studierenden der Sprach- und Kulturwissenschaften mit zuletzt 71 Prozent. Dort ist der Nachwuchs für Führungsaufgaben also überwiegend weiblich. Das gilt teils auch, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß, für verschiedene künstlerischen Disziplinen von der Musik bis zur Bildenden und darstellenden Kunst bis hin zu Film und Fernsehen.

    Doch wer leitet die diversen Kultureinrichtungen? Überall hat sich der Anteil der weiblichen Führungskräfte in den letzten 20 Jahren zwar verbessert, doch die Bühnenleitungen liegt mit 22 Prozent immer noch zu vier Fünfteln in Männerhand. Der Anteil der weiblichen Musikvorstände hat sich von 13 auf 22 Prozent immerhin deutlich erhöht, der von Frauen in Regie und Spielleitung von 20 auf 30 Prozent.

    Markante Entwicklungen zeigen sich in der Leitung von Zentral- und Landesbibliotheken, wo der Frauenanteil in der Leitung von 17 auf immerhin 43 Prozent gestiegen ist, in den Kunstmuseen von 21 auf 34 Prozent. Die Gleichstellungsvorschriften der Länder für den öffentlichen Dienst wirken sich offenbar positiv aus. Dagegen leiten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten trotz Gleichstellungsbemühungen und eines Frauenanteils von 50 Prozent immer noch überwiegend Männer, nicht nur an der Spitze als Intendant. Liegt es daran, dass sie überwiegend die technischen Berufsfelder in den Anstalten besetzen?

    Der Anteil von Autorinnen ist insgesamt gestiegen und macht sich auch durch zunehmend mehr Werke von Frauen auf der Theaterbühne bemerkbar: bis zu einem Viertel. Von Frauen komponierte Opern wurden zu weniger als zehn Prozent gespielt.

    Mitbestimmen und fördern können Frauen in den Beiräten von Kultureinrichtungen. Hier macht ihr Anteil gegenwärtig 30 Prozent aus. In den Beratungsgremien von Verbänden liegt der Frauenanteil dagegen unter 20 Prozent. In den Rundfunk- und Verwaltungsräten der öffentlich-rechtlichen Anstalten sind nur dann Frauen gleichermaßen vertreten, wenn entsprechende Vorschriften für die Platzbesetzung existieren. Quote hilft.

    Nach wie vor verdienen Frauen deutlich weniger als Männer. Bei den KSK-Versicherten betrug der Gender Pay Gap in der Berufsgruppe Bildende Kunst 27 Prozent, in der Sparte Musik 23 Prozent und Sparte Wort 25 Prozent, bei der Darstellenden Kunst 33 Prozent. Besonders bemerkenswert: Schon bei den jungen Versicherten unter 30 Jahren treten deutliche Einkommensunterschiede auf. Quer durch alle Bereiche liegt der Gender Pay Gap bei 24 Prozent und bei den Frauen unter 30 schon bei 12 Prozent. Auffällig: Frauen verdienen sowohl bei überdurchschnittlich gut bezahlten Tätigkeiten weniger als Männer als auch bei unterbezahlten Tätigkeiten.

    Ehrungen und Preisgelder fördern mit dem Bekanntheitsgrad auch die Verdienstmöglichkeiten. Im Musikbereich werden bei »Jugend musiziert« etwa gleich viele Mädchen wie Jungen gefördert. Auch bei den ausübenden Künsten sind Frauen sehr gut repräsentiert, dagegen werden bei der Komposition nur sehr wenige Frauen gefördert, das Gleiche gilt für Dirigentinnen. Lediglich eine Frau erhielt in 20 Jahren den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, den »Nobelpreis der Musik«. In der Literatur liegt der Anteil der vom Deutschen Literaturfond geförderten Frauen bei 20 Prozent, beim Deutschen Buchpreis allerdings bei 60 Prozent. Ebenso hoch ist der Anteil der geförderten Frauen beim Deutschen Übersetzerfond analog zum ihrem Anteil bei der Künstlersozialkasse. Die Stiftung Kunstfonds unterstützt zu 31 Prozent bildende Künstlerinnen. Ihr Anteil beim HAP-Grieshaber-Preis liegt aber bei 59 Prozent. Schwer haben es weiterhin Regisseurinnen im Theater oder Filmgeschäft. Der Deutsche Filmpreis ging in rund 20 Jahren nur zu 9 Prozent an Regisseurinnen. Die Mitgliedschaft von Frauen, die in Akademien gewählt werden, schwankt zwischen 15 Prozent bei der bayerischen Akademie der Schönen Künste und 29 Prozent bei der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.

    »Ein wichtiger Schlüssel für die Präsenz von Frauen sind die Verbände«, betont Gabriele Schulz. Denn sie können Forderungen an die Politik formulieren oder selbst aktiv Frauen fördern, zum Beispiel bei der Besetzung von Gremien. Allerdings sind Frauen auch in den Verbänden noch unterrepräsentiert.

    Gender Gap 1994–2014 in Schlagworten

    • Frauen in Ausbildung und Beruf:

      • Positive Entwicklungen deutlich,
      • aber Frauen nach wie vor zu wenig in Leitungsfunktionen und schlechterer Verdienst bei gleicher Qualifikation.
    • Woran liegt das?

      • Frauen wählen teils andere Berufsfelder.
      • Sie steigen meist nicht so weit auf in der Hierarchie wie Männer.
      • Bei Förderungen (Stipendien, Preise etc.) sind sie oft unterrepräsentiert, ebenso in Gremien und Verbänden.
    • Ursachen und Einflüsse:

      • Rollenstereotype in der Fremdwahrnehmung (weniger belastbar, weniger begabt), unsichere Selbstwahrnehmung (Zweifel an ausreichender Eignung, Qualifikation, Kompetenz...)
      • Frauen verkaufen sich schlechter. Sind sie »realistischer«?
      • Sie setzten teilweise andere Prioritäten in Beruf und Familie.
      • Männer-Seilschaften und »gläserne Decke« behindern Frauenkarrieren.
      • Frauen tun sich oft schwer mit offenem Wettbewerb und Konkurrenzsituationen.


    Jetzt nicht stehenbleiben

    Alarmierend für uns Frauen im Fachbereich Medien, Kunst und Industrie: Der Einkommensunterschied bei den freiberuflichen KSK-Versicherten unter 30 hat sich vergrößert statt verringert.

    Die Langzeitstudie belegt aber auch: Transparenz durch Zahlen schafft mehr Bewusstsein über Ist- und Sollzustand und zeigt konkrete Handlungsperspektiven auf.

    Trotz des schlechten Images von Quoten wird hier bewiesen, dass Gleichstellungspolitik messbare Wirkung entfaltet.

    Im Kultur- und Medienbereich haben beispielsweise Beratungs-, Aufsichts- und Auswahlgremien eine hohe Relevanz und Quoten zu deren Zusammensetzung entfalten damit eine Schlüsselrolle – daher sollten sie, wie Kulturratsgeschäftsführer Olaf Zimmermann empfiehlt – unaufgeregt betrachtet werden.

    Ein erster Schritt wäre die Anwendung des Bundesgremienbesetzungsgesetzes auf jegliche Jurys und Auswahlgremien, wonach unabhängig von sonstigen Kriterien mindestens 30 Prozent der Jurymitglieder weiblich und mindestens 30 Pozent der Mitglieder männlich sein müssten.

    Zielgerichtete Maßnahmen statt eingefahrener Debatten

    Nach Ansatzpunkten geordnet zählt Zimmermann folgende Maßnahmen auf:

    Öffentliche Kultureinrichtungen sollten:

    • auch Frauen in der zweiten Hierarchieebene in ihrer beruflichen Entwicklung gezielt ermutigen, -flexible Karrieremodelle, nicht nur für Frauen, einführen,
    • den Sachstand zu diesem Thema regelmäßig überprüfen,
    • bei der Vergütung freiberuflicher Leistungen aus dem künstlerischen Bereich mit gutem Beispiel vorangehen und das Augenmerk auf gleiche Vergütung von Männern und Frauen legen.

    Künstlerische Hochschulen und deren Career Center können am sensiblen Punkt des Berufseinstieges ansetzen und

    • Absolventinnen in der Selbstvermarktung unterstützen,
    • Lehrenden die Rolle ihrer Empfehlungen für die Reputation ihrer Schützlinge bewusstmachen und sie anhalten, diese im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen.

    Ein weiterer Ansatzpunkt betrifft die Kinderbetreuung. Neben einer generell kinderfreundlicheren Gesellschaft wären hier

    • flexiblere Betreuungszeiten,
    • positivere Bewertung der Kinderbetreuung durch Dritte und
    • mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Stipendien und Residenzpflichten wichtig.

    Eine wichtige Stütze zur Interessenvertretung von Frauen stellt die Verbandsarbeit dar.

    • Verbände sollten ebenfalls selbstkritisch eruieren, welche Gründe Frauen evtl. von einer Mitgliedschaft abhalten könnten,
    • Frauen ihrerseits sollten sich stärker in die Verbandspolitik einmischen, um zur ausreichenden Wahrnehmung ihrer Anliegen beizutragen.

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    Das Statement des Bundesfachbereichsfrauenvorstandes vom November 2016 kann als pdf-Datei hier geladen werden.

    zur Publikation des Kulturrats

    Unter dem Link
    https://www.kulturrat.de/pressemitteilung/gender-pay-gap/ ist die Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates vom 29. Juni 2016 abrufbar, sowie weitere Informationen zur Studie »Frauen in Kultur und Medien – Ein Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge«.

    Das Statement
    des Bundesfachbereichsfrauenvorstandes vom November 2016 kann als pdf-Datei hier geladen werden.