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    Wie kommen wir über die Krise

    Wie kommen wir über die Krise

    Auskünfte aus dem Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg

    Auskunft geben:

    • Carmen Winter
      Vorsitzende des VS Brandenburg
        
    • Toni Winter
      Stellvertretende Vorsitzende des Personalrats der Stiftung Oper Berlin
        
    • Annette Breitsprecher
      Vorsitzende der Fachgruppe Musik Berlin/Brandenburg
        
    • Britta Schubert
      Betriebsratsvorsitzende im bbk berlin | Mitglied im Vorstand der Fachgruppe Bildende Kunst Berlin/Brandenburg
        
    • Renate Gensch
      Vorsitzende der dju Berlin/Brandenburg
        
    • Carmen Winter

      Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg Carmen Winter

      Vorsitzende des VS Brandenburg

      Gefreut haben sich die brandenburgischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, dass sie sich mit dem Berliner VS noch kurz vor der Corona Krise traditionell in Blossin getroffen hatten. »Es war schön, dass wir uns leibhaftig sehen und miteinander arbeiten konnten«, meint die brandenburgische VS-Vorsitzende Carmen Winter. Seitdem laufe der Kontakt über E-Mail und Telefon. Es gehen Rundbriefe hinaus. Zum ver.di-Landesbezirk besteht E-Mail-Kontakt. Auch die Vorstandssitzung wurde digital absolviert.

      Zum Glück, sagt Winter, sei dem Fachgruppenvorstand noch nichts Dramatisches mitgeteilt worden – etwa, dass jemand schwer erkrankt oder absolut alles weggebrochen sei. Die meisten der Schreibenden hätten ein zweites – jetzt natürlich auch vielfach gefährdetes – Standbein. Sorgen mache man sich schon. Denn natürlich sind alle Lesungen abgesagt. Online-Lesungen bringen zwar Aufmerksamkeit, aber keinen Ertrag. Diese Ausfälle seien kaum zu kompensieren. Manchmal zahlten die Veranstalter, meist nicht. Auch beim neuen Brandenburgischen Literaturrat werden nur für die Lesungen Ausfallhonorare gezahlt, für die schon vor Mitte März ein Vertrag mit dem Literaturrat vorlag. Diese Förderbedingungen des Landes müssten unter Krisenbedingungen nachgebessert werden. Ausfallhonorare für angemeldete Lesungen seien nötig. »Das durchzusetzen ist nicht einfach.«

      Etwas Erleichterung bringt das von der Landesregierung aufgelegte Mikrostipendienprogramm. »1.000 Euro Projektförderung sind zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber helfen erst mal«, findet Winter. »Man muss nur eine Projektbeschreibung einreichen. Das kann auch die Arbeit an einem Buch sein. »Sie hält es mit Kollegin Nina George vom European Writers' Council, die in Blossin auf facebook ermunterte: »Es ist relevant, was ihr jetzt schreibt. Schreibt weiter!«

      Der Fachgruppenvorstand schaut zuversichtlich in eine Nachkrisenzeit. »Wir planen unsere Mitgliederversammlung im Herbst und den 30. Jahrestag des VS im nächsten Jahr«, erklärt Carmen Winter. »Weiterarbeiten ist wichtig.«

    • Toni Winter

      Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg Toni Winter

      Stellvertretende Vorsitzende des Personalrats der Stiftung Oper Berlin

      Mit dem Shutdown sei das Arbeitspensum der Personalräte »explodiert«. »Wir mussten viele in unseren Häusern daran erinnern, dass der Auftrag in Abstand und Runterfahren bestand, nicht darin, so lange wie möglich weiterzumachen.« So manche Künstler, aber auch einige in den Werkstätten, hätten sich gegen den eingeschränkten Produktionsbetrieb gewehrt und »systemrelevanter als jeder Arzt« gefühlt. So sei man sei schließlich »etwas chaotisch« in den Lockdown gestolpert. Mit den Schließungen kam die Kurzarbeit. Fünf Wochen ruhte alles, außer im Bühnenservice, dort wurden fast 20.000 Masken genäht.

      »Mit ver.di im Boot haben wir einen tollen Covid-19-Tarifvertrag verhandelt bekommen, der im Vergleich zu manch anderen eine unfassbar gute Absicherung für alle Beschäftigten der Opernstiftung bietet.» Auch für Künstlerinnen und Künstler gemäß dem NV Bühne gibt es eine Kurzarbeitsvereinbarung mit dem Bühnenverein. Die Umsetzung fordere die Personalräte noch immer, mit der Generaldirektion werde über eine Dienstvereinbarung verhandelt. Den Umfang von Kurzarbeit rückwirkend ab dem 15. März oder 1. April exakt für jeden und jede Einzelne zu bewerten, sei schwierig. Gerade für Theaterleute, die mit Herzblut bei der Sache sind und normalerweise nicht auf die Zeit sehen.

      »Die schrittweise Öffnung ist ein neuer Auftrag für uns«, sagt Toni Winter. Nun gehe es darum, Hygiene- und Arbeitsschutzregeln in den anlaufenden Arbeitsalltag zu integrieren. So seien Begehungen von Produktionsräumen nötig, um zu sehen, wie viele Beschäftigte gleichzeitig dort arbeiten können. Zu entscheiden sei, was wieder auf den Bühnen möglich ist. Es gäbe zwar Szenarien für eine Wiederöffnung der Häuser, aber kein Modell für reduzierten Spielbetrieb. »Wir sind noch weit weg vom Normalen, Chor ist ganz ausgeschlossen«, weiß die Personalrätin.

      Doch sei niemand in der Stiftung existenzbedroht. Der Personalrat hofft, dass es durch die Gelder aus der Kurzarbeit möglich wird, die ausgefallenen Gagen für Gäste und Komparserie wenigstens teilweise zu zahlen.

    • Annette Breitsprecher

      Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg Annette Breitsprecher

      Vorsitzende der Fachgruppe Musik Berlin/Brandenburg

      »Die Auswirkungen des Lockdowns sind für Musikschaffende unterschiedlich, aber überwiegend fatal«, sagt die Fachgruppenvorsitzende. Bei den öffentlichen Berliner Musikschulen sind lediglich die Festangestellten, etwa ein Fünftel der Belegschaft, nicht existenziell bedroht. Freie jedoch waren von Beginn an extrem belastet, da sie nicht wussten, ob Honorare fortgezahlt werden. Der Senat hatte die Fortzahlung bis Ende Mai rückwirkend durch eine Kann-Bestimmung ermöglicht, doch wurde diese in den Bezirken unterschiedlich und teils restriktiv ausgelegt.

      »Kolleginnen und Kollegen haben unter abenteuerlichen Bedingungen – mit Blick auf Datenschutz und technische Voraussetzungen – auch online-Unterrichtsformate entwickelt«, so Annette Breitsprecher. Während der Einzel- und Kleingruppenunterricht unter erschwerten Bedingungen seit 18. Mai wieder anläuft, ist er bei Bläsern und Sängerinnen noch ausgeschlossen. »Früherziehung, größere Ensembles und Kooperation mit Schulen liegen weiter brach – gerade Dinge, die den Wert von Musikschule ausmachen.

      Düstere Aussicht: Kolleginnen und Kollegen müssten sich neue Betätigungen suchen, Erosion der Musikschulen drohe. »Einmal mehr zeigt sich: Musikschule auf dem Rücken von Freien kann nicht funktionieren«, sagt die Fachgruppenvorsitzende. Sie hofft, dass der Senat die Stärkung durch mehr Festanstellungen massiv fortsetzt und nicht auf dem Corona-Altar opfert! Ebenso müsse die versprochene Honorarerhöhung für Freie schnellstens kommen. Corona zeige, wohin es führt, wenn keinerlei Rücklagenbildung möglich ist.

      Freie Musikschaffende ohne Anbindung an Musikschulen könnten die Krisenfolgen noch schlechter verkraften. Ihnen sind sämtliche Aufträge weggebrochen. Nachdem das vorbildliche Berliner Soforthilfeprogramm binnen Tagen erschöpft war, stünden viele »unter enormem existenziellem und psychischem Druck«, oft bliebe nur ALG II. Das ver.di-Selbstständigenreferat unterstütze permanent. (Coronahinweise: https://selbststaendige.verdi.de/beratung/ratgeber).

      Doch verschärfe sich zusätzlich die Raumnot: Bisher in allgemeinbildenden Schulen genutzte Räume seien unzugänglich oder zu klein zur Einhaltung der Hygieneregeln. »Insgesamt zeigen sich unter dem Brennglas der Krise die strukturellen Mängel des chronisch unterfinanzierten und gesetzlich mangelhaft abgesicherten Kulturbereichs.«

    • Britta Schubert

      Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg Britta Schubert

      Betriebsratsvorsitzende im bbk berlin | Mitglied im Vorstand der Fachgruppe Bildende Kunst Berlin/Brandenburg

      Britta Schubert weiß als Betriebsratsvorsitzende um die Probleme der täglichen Corona-Praxis. Als Mitglied im ver.di-Fachgruppenvorstand liegen ihr die bildenden Künstlerinnen und Künstler nahe: Es sind Solo-Selbstständige, die ökonomisch die Feste feiern müssen, wie sie fallen. Finanzielle Rücklagen zu bilden, ist schwer möglich, Verdienstmöglichkeiten lassen sich nicht ins Internet verlagern.

      Mit der Corona-Soforthilfe des Landes Berlin von 5.000 Euro wurde eine unbürokratische Überbrückung geschaffen, die zumindest diejenigen erreichte, die rechtzeitig ihren Antrag stellten. Die Soforthilfe der Bundesregierung für Selbstständige kann bei ihnen nicht greifen, da diese Mittel allein zur Deckung von Betriebskosten verwendet werden sollen. Der Nachweis über wegfallendes Einkommen ist schwierig, da schriftliche Vereinbarungen in der Kunstwelt eher selten geschlossen werden. Übliche Nebenjobs als Honorartätigkeiten können nicht ins Homeoffice verlegt werden. Bei der Hälfte vorgesehener Ausstellungen sind Kunstschaffende in finanzielle Vorleistung getreten. Aber zahlreiche Vorhaben wurden nicht nur verschoben, sondern gestrichen. Der Kunstmarkt ist weitestgehend zusammengebrochen. Die Berlin Biennale steht in den Sternen.

      Besonders diejenigen sind in prekärer Lage dran, die zwar in Berlin leben und arbeiten, aber nicht hier gemeldet sind; durch das Beantragen von Grundsicherung würden sie ihre Aufenthaltserlaubnis gefährden. Notwendig wäre ein Sofortprogramm zur Existenzsicherung für diejenigen, die ihren Arbeitsmittelpunkt in Berlin und Brandenburg haben. Kunst und Kultur gelten als Standortfaktor. Doch überwiegend prekär schaffende bildende Künstlerinnen und Künstler sehen sich einer existenzbedrohenden Krise gegenüber, nicht mehr und nicht weniger.

    • Renate Gensch

      Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin/Brandenburg Renate Gensch

      Vorsitzende der dju Berlin/Brandenburg

      Freie Journalistinnen und Journalisten sind von der Krise stärker betroffen als Festangestellte. „Leider ist viel Kurzarbeit angesagt. In Verlagen sind das hauptsächlich die Leute in der Vermarktung, beim Tagesspiegel ist auch die Sport- und Kulturredaktion betroffen«, sagt Renate Gensch, dju-Vorsitzende Berlin/Brandenburg. Bei ZEIT Online gebe es keine Kurzarbeit; die Redaktion habe mehr zu tun denn je. Ähnlich sehe es bei der Berliner Zeitung aus, dort sei die Redaktion so stark ausgedünnt, dass weitere Einschnitte unmöglich wären. Beim Tagesspiegel sollten im März Tarifverhandlungen beginnen. »Es gab dort einige Corona-Fälle, die Verhandlungen liegen auf Eis.«

      Vor allem für die Freien ist die Situation übel: Über Termine, die nicht stattfinden, kann man nicht schreiben. Dennoch gebe es genug Arbeit, über Corona sei ja ständig zu berichten. Trotzdem hätten einige Verlage die Zusammenarbeit mit Freien beendet. »Da wurde schnell der eine oder andere Sparplan umgesetzt – gerade Holtzbrinck will ja Millionen einsparen.« Für die Freien bei Tagesspiegel und Berliner Zeitung sollten die Honorare verhandelt werden. »Die Mitgliederversammlung dazu fiel wegen Corona flach.«

      Dennoch ist die dju nicht untätig, hat Presseerklärungen herausgegeben, etwa zu den Polizeiübergriffen am 1. Mai oder zur Gewalt gegen TV-Teams. »Der Hass auf Medien und Medienschaffende macht uns große Sorgen. Wir bereiten Aktionen vor, suchen Wege, wie Kolleginnen und Kollegen besser geschützt werden können.« Man versuche, telefonisch, über den Newsletter und die dju-Website zu informieren – etwa über Fördermöglichkeiten oder Demowatch, einen dju-Service, mit dem sich von Übergriffen betroffene Journalisten vernetzen können.

      Die Medientreffs im März und April wurden abgesagt. »Wir versuchen, das wieder zum Laufen zu bringen. Ab September starten wir durch. Bei den Verlagen soll der Betriebsräteaustausch wiederbelebt werden. Wir bleiben dran.«

    Sprachrohr 2/2020

    TEXTE:
    BETTINA ERDMANN, HELMA NEHRLICH, UTE BAUER, ANNEMARIE GÖRNE

    FOTOS:
    JAN BORCHERT, JÜRGEN BRAUWEILER / BLEIFREI, CHR. V. POLENTZ / TRANSITFOTO.DE