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    Berliner Energietage in zwei Runden

    Berliner Energietage in zwei Runden

    Das Domizil der Energietage vor der Corona-Pandemie Susanne Stracke-Neumann Ludwig-Erhard-Haus, das Domizil der Berliner Energietage vor der Corona-Pandemie

    Online-Veranstaltung mit rund 200 Stunden Tagungsprogramm - Anmeldungen noch möglich

    21.04.2021

    Pandemiebedingt werden die Berliner Energietage www.energietage.de zum zweiten Mal online durchgeführt und zwar in zwei Runden: vom heutigen 21. bis zum 23. April und vom 28.-30. April. „Mit derzeit mehr als 34.000 Anmeldungen verzeichnen die Energietage schon jetzt einen Anmelde-Rekord,“ erklärt der Veranstalter. Die Anmeldung zum digitalen Großkongress mit rund 100 Mitveranstaltenden, 200 Stunden Tagungsprogramm und 300 Referent*innen ist weiterhin möglich.

    Wissenschaftler erläutert Klimakrise: Wieviel Spielraum haben wir noch?

    In der Eröffnungsveranstaltung sprach Stefan Rahmstorf, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), zum Thema „Klimakrise: Wo stehen wir und wie viel Spielraum haben wir noch?“ Auf zahlreichen Infotafeln erläuterte er den Anstieg des Kohlendioxids in den vergangenen 10.000 Jahren und den gewaltigen Anstieg ab dem Jahr 1880 und den Temperaturanstieg seither. Da in dieser Zeit die Sonnenaktivität abgenommen habe, habe der menschliche Einfluss einen umso höheren Anteil daran. Im Dürresommer 2003 könne man durch eine sehr gute Datenlage in Frankreich belegen, dass in der Hitzezeit wöchentlich mehr Menschen starben als in den schlimmsten Corona-Wochen jetzt.

    Durch die wärmere Luft sammle sich auch mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre, was dann parallel auch zu Starkregen und Überflutungen führe. In der Höhe der Jet-Streams rund um den Globus schaukeln sich die Extremwetterlagen auf, so Rahmstorf. Dass Wetterextreme zu Kriegen führen können, wie Frans Timmermanns von der EU angesprochen hatte, sei gar keine düstere Zukunftsvision, sondern sei beim Aufstandsbeginn in Syrien durchaus ein Faktor gewesen, erklärte der Wissenschaftler.

    Dringend Kurve abflachen

    Wenn die Emissionen unbegrenzt weiter gingen, wären die Ziele des Pariser Klimaabkommens, die Erwärmung nicht über 1,25 Grad ansteigen zu lassen, 2040 endgültig gerissen. Schnelles Handeln könne die Kurve aber noch rechtzeitig abflachen. Der Korridor sei aber nur noch wenige Jahre gegeben:  „Wenn wir noch zehn Jahre warten, würde auch ich sagen, jetzt geht es wirklich nicht mehr.“

    Die Politik der Bundesregierung verursachten doppelt so viel Emissionen „wie es unserem Bevölkerungsanteil entspricht, Länder wie Indien und China werden damit nicht einverstanden sein, dass wir uns einen doppelten Anteil am Klimakuchen genehmigen.“ Die einstige Vorreiterrolle sei lange vorbei: „Wir sind keineswegs vorne dran, sondern nur im Mittelfeld. Deutschland geht nicht alleine voran, das ist weltfremd, viele andere Länder reduzieren ihre Emissionen deutlich schneller als wir“, sagte Rahmstorf und meinte: „Ich bin überzeugt, wir brauchen eine neue Regierung dafür, mit der jetzigen Regierung wird das nichts.“

    Umfragen zeigen: Bevölkerung für deutlichere  Maßnahmen

    Andreas Ziegler, Professor an der Universität Kassel, führte vor und während der Corona-Pandemie Umfragen zur Umwelt- und Klimapolitik durch. Dabei stellte er zum einen fest, dass die Gruppen von Corona-Leugnern und Klimakrise-Leugnern relativ übereinstimmend seien. In beiden Fragen, Klima wie Corona, zeige sich, dass die Bevölkerung durchaus weitergehende Schritte befürworte als die Politik sie ins Auge fasse. So gebe es deutliche Mehrheiten für Tempolimit und Kohleausstieg und weniger Gegnerschaft zur CO2-Bepreisung, als von Politik und Wirtschaft oft beschworen. Soziale und Gerechtigkeitsaspekte spielten für die Klimapolitik-Akzeptanz eine große Rolle, sie müssten offen angesprochen werden.

    Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz warb dafür, mehr Schnelligkeit, Flexibilität und auch Vergleiche in den Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte wie Stromleitungen, Windräder auf dem Meer und an Land und ähnlichem zu ermöglichen. Es müsse nicht alles bei den Verwaltungsgerichten landen und ein hoheitlicher Akt sein: „Das ist Quack!“

    „It’s the infrastructure, stupid“

    Es werde sehr viel mehr Strom gebraucht als bisher meist gesagt, auch für grüne Wasserstofftechnik. Deshalb dürfe es nicht Jahre dauern, etwas umzusetzen. „“It’s the infrastructure, stupid“, wandelte er einen beliebten Filmtitel ab, dessen sich auch Bill Clinton schon in der Version „It’s the economy, stupid“ bedient hatte.

    Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), forderte eine gründliche Überarbeitung von Energiesteuern, Abgaben, Kfz-Steuer und City-Maut unter einheitlichen Umweltaspekten. Gesetze widersprächen sich teilweise, es gebe „Wildwuchs bei Steuern“. Wichtig sei auch eine internationale Abstimmung, zum Beispiel bei der CO2-Bepreisung, damit es keine Ausgleichregelungen für benachteiligte Wirtschaftsräume brauche. Strategische Klimafinanzierung solle auch ärmere Staaten bei ihrer Transformation unterstützen. Sein Wunsch an die nächste Regierung: Ein alle diese Aspekte zusammenfassendes Ministerium oder zumindest wieder ein „Klimakabinett“.

    Susanne Stracke-Neumann

    Mehr Berichte zu den Energietagen auch in der nächsten Ausgabe von „Industrie-Report/mti-Info“

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    Industrie-Report April 2021
    © ver.di/einsatz Wolfgang Wohlers