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    „Simplify Your Future“

    „Simplify Your Future“

    Bayerischer Ingenieuretag empfiehlt, die Zukunft der Gesellschaft mit Verantwortung und Gelassenheit mitzugestalten

    Ein Bericht von Ulrich Bareiß und Christian Humburg

    Der 29. Bayerische Ingenieuretag stand unter dem Motto "Simplify your future - Auswege aus der Komplexität". Diesmal fand der Ingenieuretag am 15. Januar 2021 nicht in der Messe München, sondern rein online statt. Mit dem Bestsellerautor und Karikaturisten Werner Tiki Küstenmacher und der bayerischen Bauministerin Kerstin Schreyer gab es wieder hochkarätige Referenten.

    Reinhard Pfeiffer von der Geschäftsführung der Messe München wies auf die Verbundenheit der Baumesse, die dieses Jahr nur online präsent ist, mit dem Bayerischen Ingenieuretag hin. Kammerpräsident Norbert Gebbeken erinnerte an den Ingenieuretag 2020, wo der Benediktinermönch Anselm Bilgri den Rat gab, das Jahr mit heiterer Gelassenheit anzugehen: Es kam ganz anders, resümierte Gebbeken und sagte: „Corona zeigt uns unsere Grenzen.“

    Professor Dr. Norbert Gebbeken beim Bayerischen Ingenieuretag 2021 Tobias Hase Professor Dr. Norbert Gebbeken beim Bayerischen Ingenieuretag 2021

    Aber auch ohne Corona gebe es laut Gebbeken großen Veränderungsdruck. Die Digitalisierung habe einen großen Schub erhalten, mobiles Arbeiten werde zur Regel. „Aber soziale Nähe und Präsenz kann nicht digital ersetzt werden.“ Doch die Chancen für Veränderungen seien noch nie so groß gewesen wie jetzt. Diese Kraft gelte es zu nutzen für die Frage, wie wir in Zukunft leben und die Gesellschaft gestalten wollen. „Hierzu tragen die Ingenieure bei.“

    Doch was ist das Wohl unserer Gesellschaft, bei Wirtschaftswachstum oder dem Erhalt der Umwelt? Beim Denken, Sagen und Handeln gebe es oft Diskrepanzen. Was bedeute Verantwortung und Ethik? Gebbeken zitierte dazu Max Weber: Verantwortungsethik und Gesinnungsethik sollten im Einklang sein.

    Welche Rolle nehmen die Ingenieur*innen in einer sich verändernden Gesellschaft ein und übernehmen sie eine besondere Verantwortung für die Technikfolgenabschätzung? Ingenieur*innen seien Gestalter der Gesellschaft und Brückenbauer des Fortschritts. Aber die Verantwortung sei so enorm, dass sie sich zu Wort melden müssen. Gerade die Baubranche müsse durch partnerschaftliches Planen und Bauen ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit liefern.

    Selbstbestimmtes Arbeiten der Mitarbeiter*innen solle als Motivationsschub genutzt werden. Er richtete einen Appell an die Führungskräfte zur Gelassenheit sowie dazu, sich an dem philosophischen Begriff der „Eudaimonie“ zu orientieren und Authentizität, Sinn, Entwicklung und Exzellenz anzustreben.

    Bayerns Bauministerin Kerstin Schreyer fragte, wie der Wohnraum der Zukunft aussehen werde, wenn wir mehr zu Hause arbeiten. Weiter wies sie auf die aktuellen Veränderungen im Baurecht wie geringere Bauabstände, Dachgeschossausbau und das Bauen mit Holz hin. In der Pandemie seien die Baustellen geöffnet geblieben und von der öffentlichen Hand weiter unterstützt worden.

    Bayerischer Ingenieurpreis

    Der Ingenieurpreis wird alle zwei Jahre beim Bayerischen Ingenieuretag übereicht. Bei der Beurteilung der eingereichten Projekte standen Kriterien wie Innovation, Nachhaltigkeit und technische Kreativität im Vordergrund.

    Den ersten Platz gab es für den Erhalt der denkmalgeschützten Remy-Decken (Stahlbeton-Skelettkonstruktion mit Hohlkörperdecken aus Bimsbeton) in 13 Gebäuden der Bundeswehr-Kaserne in Sonthofen. Durch eine wissenschaftliche Untersuchung wurde ein Abriss der Gebäude mit Hilfe eines Modells zur Ermittlung der Flächenbelastung mit Belastungsversuchen vermieden.

    Der zweite Platz galt dem Neubau der Umweltstation Würzburg, einer öffentlichen Lehr- und Lernstation, die Wissen über Nachhaltigkeit und Ökologie vermittelt. Sie ist in ressourcenschonender Bauweise entstanden, aus Recycling-Beton errichtet, mit kombiniertem Heiz/ Lüftungssystem und nachhaltig gebaut.

    Der dritte Platz wurde für den Neubau einer stehenden Flusswelle zum Riversurfen am Ebensee/Traunsee vergeben. Riversurfen ist eine Sportart, bei der man auf einer „stehenden“ Flusswelle surft. Die prämierte Arbeit erschafft die weltweit größte gebaute stehende Flusswelle, „The RiverWAVE“.

    Werner Tiki Küstenmacher beim Bayerischen Ingenieuretag 2021 Tobias Hase Werner Tiki Küstenmacher beim Bayerischen Ingenieuretag 2021

    "Auswege aus der Komplexität"

    Der Autor, Theologe und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher stellte sich in heiterer Weise dem Thema „Simplify your future - Auswege aus der Komplexität“. In seinem Vortrag hat er mit live gezeichnet Karikaturen seine Aussagen untermalt. „Simplify your life“, der Titel seines Bestsellers, will zeigen, wie man einfacher und glücklicher lebt. Ziel sei es, Wege aus der Komplexität zu finden. Mit der Empfehlung, „nicht immer auf Unerledigtes zu gucken“, gab er den Tipp, den Schreibtisch aufzuräumen. Er bebilderte, wie mit der Angst vor der Zukunft, den AHA-Regeln bei der Corona-Pandemie und dem „inneren Schweinehund“ umzugehen sei: Das Großhirn entscheide und beschließe, aber langsam. Das Limbische System beschließe emotional unheimlich schnell, mit dem Willen zum Überleben. Eine intelligente Zusammenarbeit von Großhirn und dem limbischen System sei unsere Herausforderung. Der Schlüssel zu einem einfacheren, glücklicheren Leben sei dort zu finden.

    Allerdings würden negative Nachrichten emotional eher wahrgenommen als positive Entwicklungen, Verluste mehr gesehen als Gewinne. Daher müssten wir Negatives immer hinterfragen, denn Emotionalität könne zu Irrationalität führen, meinte Küstenmacher und nannte den „Brexit“ oder die Präsidentschaft von Donald Trump als Beispiele.

    Durch Selbstmotivation könne man die inneren Widerstände überwinden und Gelassenheit erringen. Küstenmacher: „Optimismus ist nicht der Glaube, dass alles besser wird, sondern dass wir es besser machen können.“

    Zum Bayerischen Ingenieuretag: [Link]

    Zum Bayerischen Ingenieurpreis: [Link]

    Unsere Autoren

    Ulrich Bareiß
    © Heinz Wraneschitz

    Ulrich Bareiß ist Ingenieur und Mitglied im Bundesvorstand der Fachgruppe Industrie/Industrielle Dienstleistungen wie auch im Bundesausschuss mti (Meister*innen, Techniker*innen, Ingenieur*innen). Im ver.di-Landesbezirk Bayern ist er in weiteren Gremien und Bereichen engagiert.

    Christian Humburg
    © Ulrich Bareiß

    Christian Humburg ist Ingenieur der Nachrichtentechnik und Mitglied des mti (Meister*innen, Techniker*innen, Ingenieur*innen). Er ist im ver.di-Landesbezirk Bayern und im ver.di-Bezirk München engagiert und Mitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau.

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    Industrie-Report/mti-Info Dezember 2020
    © ver.di/einsatz Wolfgang Wohlers