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    Kunstgebung: Der Politik Feuer unter den Hintern

    Kunstgebung: Der Politik Feuer unter den Hintern

    Wenn Matthias Egersdörfer (Tatort-Ermittler und Kabarettist), Michl Müller (der »Dreggsagg« aus der ARD), Wortkünstler Oliver Tissot, Franken-Humor-Chef Bernd Händel, die bekannte A-Capella-Gruppe Viva Voce oder »Feuerwehrkommandant« Norbert Neugirg gemeinsam auf der Bühne stehen: Dann ist entweder Faschings-Prunksitzung in Veitshöchheim – oder »Kunstgebung« in Nürnberg. Am 19. Oktober 2020 war Letzeres.

    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di Heinz Wraneschitz Viva-Voce-Auftritt  – bei der »Kunstgebung« in Nürnberg

    »Kunstgebung«: So war eine teilweise krachende und brennende Protestveranstaltung der nordbayerischen Kreativ- und Kulturszene betitelt. Die ging neben der Meistersingerhalle über die professionell aufgestellte Bühne.

    »Es wird Zeit, dass der Regierung Feuer unterm Hintern gemacht wird«, hieß es aus den Reihen der Kulturschaffenden auf und hinter der Bühne. Denn nicht nur die Künstler selbst stehen vor dem Nichts: Fast die ganze Branche, von Bühnenarbeitern bis zu Beleuchtungs-Fachleuten oder Toningenieuren, ist seit dem Stopp für Großveranstaltungen im März ziemlich ohne Einkommen.

    Dabei war die Kulturwirtschaft mit 170 Milliarden Euro Umsatz 2019 der drittgrößte Wirtschaftsbereich der Bundesrepublik. Und mit 1,3 Millionen Kulturschaffenden waren hier fast um die Hälfte Menschen mehr in Lohn und Brot als in der immer wieder herausgestellten Automobilwirtschaft. Aber wie lange noch?

    Denn während die Beschäftigten bei BMW, Audi, Brose und Co. überwiegend angestellt sind, arbeiten die Kreativen meist als Soloselbstständige. Deshalb sei für sie auch kein Abschmelzen der Arbeitszeit möglich. Kurzarbeitergeld Fehlanzeige. So begründet die Bundesanstalt für Arbeit, warum für Solos bei coronalem Quasi-Arbeitsverbot nur Hartz IV in Frage komme.

    Deshalb sind viele Soloselbstständige inzwischen »auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet«: Das führte ein von der Bühnendecke herabfallender Roadie drastisch krachend vor. Denn die Fachkräfte sind – wie gesagt – genauso finanziell schwer getroffen.

    Bei der Kunstgebung fanden die Auftritte der Künstler jeweils ein brutales Ende: Dem Einen (Tissot) wurde das Widerwort durch Sicherheitskräfte untersagt, der andere (Händel) wurde eingenebelt. »Wie von den Hilfs-Versprechungen der Politik, die nicht für uns passen. Die Ungleichbehandlung mit Flixbussen oder Flugzeugen macht uns sprachlos«, war als Ergänzung aus dem Off zu hören.

    Am Ende bleibt augenscheinlich vielen Künstlern nur noch der Sarkasmus. »Kauft Karten für Kulturveranstaltungen statt Klopapier«, forderte Michl Müller angesichts der bereits wieder aufkommenden Hamsterkäufe. Und Bernd Händel kalauerte: »Hoffentlich wird bald der 1,5-Meter-Abstand aufgehoben, damit die Franken wieder ihre fünf Meter einhalten können.« Den meisten Zuschauern blieb an diesem Abend ob der kritischen Lage der Branche der Lacher im Halse stecken.

    Wer demnächst vor einem Haus einen bunt und kreativ verzierten Stuhl stehen sieht, sollte mal nachschauen, ob darauf den Hashtag #SOSKultur finden. Den hatte nämlich Oliver Tissot als Erkennungszeichen der Solidarität unter den Kreativen vorgeschlagen, nach dem Motto: Uns zieht die Politik den Stuhl unterm Hintern weg.

    Denn dass es »nur miteinander, nicht gegeneinander geht, haben wir heute gezeigt«, hieß es seitens des ehrenamtlich tätigen Veranstaltungsteams in Nürnberg. »Vielleicht führt ja die stärker werdende Solidarität unter den Kreativen dazu, dass sich noch mehr organisieren«, hofft deshalb Willi Nemski.

    Der freiberufliche Grafiker ist Sprecher des Selbstständigenrats von ver.di Mittelfranken und war auch als ehrenamtlicher Ordner bei der »Kunstgebung« dabei. Nemski fordert beispielsweise von allen Kommunen, gerade aber von der potenziellen Kulturhauptstadt Nürnberg: »Sie sollten sich verpflichten, die bisherigen Ausgaben für Künstler und Kreative nicht zu reduzieren.« Und er schlägt »einen Eintritts-Hebel für private Veranstalter vor: Für jeden zahlenden Besucher legt die Stadt den dreifachen Satz obendrauf.« Bekanntlich dürfen die Sitzplätze in Spielstätten zurzeit nur mit Abstand besetzt werden: Das ist für Private kaum wirtschaftlich zu schultern.

    Heinz Wraneschitz

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    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di
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