Nachrichten

    Erstmals auch online: Nie wieder Krieg!

    Erstmals auch online: Nie wieder Krieg!

    Am 1. September machen der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften deutlich: Sie stehen für Frieden, Demokratie und Freiheit. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus! 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung Europas von der Nazidiktatur – wurde vielerorts von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern an die Folgen von Krieg, Gewalt und Faschismus erinnert. Doch 2020 ging der «Antikriegstag» coronabedingt auch erstmals online. Mit viel Kunst im Programm.

    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di DGB/FESAdsl Zum Antikriegstag 2020

    Die DGB-Jugend beging zuerst 1957 den »Antikriegstag« und setzte den 1. September als mahnende Erinnerung und Handlungsaufruf im Kampf für Frieden später für die gesamte Gewerkschaftsdachorganisation durch. Die Geschichte dieses Gedenktages ist inzwischen dokumentiert und lässt sich an Plakaten und Losungen nachvollziehen.

    Der DGB-Aufruf zum Antikriegstag 2020 steht unter dem Motto: »Nie wieder Krieg! In die Zukunft investieren statt aufrüsten!« Dezentral fanden trotz Corona auch diesmal Kundgebungen und Aktionen statt. Doch – wie schon am 1. Mai – wurde auch ein Livestream aus der Berliner DGB-Zentrale ausgesandt. Dazu hatte sich der DGB mit ver.di zusammengetan.

    Die ver.di-Kunst- und Kulturbeauftragte Dr. Anja Bossen und der Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di luden ein und gestalteten das knapp zweistündige Programm. Es enthielt neben einem »Klassikerblock«, in dem heutige Autorinnen/Autoren und Musikerinnen/Musiker Antikriegstexte berühmter Kolleginnen und Kollegen aus der Vergangenheit vortrugen, auch sehr aktuelle Auseinandersetzungen mit den Themen Krieg und Frieden in Form von Gesprächen, Statements und künstlerischen Beiträgen. Durch den Abend führte Lena Falkenhagen, die Bundesvorsitzende des VS.

    Vielfalt der Stimmen und Formen

    Das Programm setzte auf Vielfalt der Stimmen und Formen. Es wirkte zu Teilen improvisiert, obgleich Zuschaltungen von Beiträgen aus privaten Wohnzimmern ja mittlerweile bereits usus sind. Es wirkte mitunter auch etwas steif, weil Übergänge abrupt erschienen oder Gespräche nicht durch Nachfragen aufgelockert wurden. Dem Gesamteindruck tut das wenig Abbruch: Es war ein nachdrücklicher, leiser und doch kraftvoller Beitrag für den Frieden. Jeder, der aufmerksam und guten Willens war, bekam Anregungen zum Nachdenken, Bestätigung und Ermunterung in der täglichen Auseinandersetzung um Demokratie und Frieden.

    Das begann schon beim Live-Vortrag der 27-jährigen Bühnenpoetin Tanasgol Sabbagh, die in ihrem Slam mutmaßte, dass wir uns etwas zu bequem eingerichtet haben könnten in der modernen Gesellschaft von Individualisten. Die gebürtige Iranerin sprach von »Selbstermunterung« und davon, dass »Demokratie verteidigt« und »antifaschistisches Denken von Generationen immer weiter getragen« werden müssen.

    »Was ist aus uns geworden?«, fragte eindringlich auch die Poetryslammerin Kübra Böler, die einen Text vortrug, der in Anlehnung an Kurt Tucholskys Gedicht »Drei Minuten Gehör« entstanden ist. »Ihr sollt drei Minuten inne halten. Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern. Wir wollen uns einmal erinnern«, heißt es beim Altmeister. »Ist es aus Bequemlichkeit, Angst, Desinteresse oder doch Arroganz, jene zu behindern, die sich erinnern wollen« oder seien wir »zu beschäftigt, den Mund aufzumachen« fragte dagegen Kübra Böler in einem ganz vorsichtigen, zurückhaltend-leisen Vortrag mit einigen langen Pausen. Die Beschäftigung mit dem Gedicht sei für sie »schwierig und ernüchternd« ob seiner Aktualität gewesen, sagte die junge Texterin, die aus Hamburg zugeschaltet war.

    Mit eigenen aktuellen Texten meldeten sich so auch Safiye Can aus Duisburg und Willie Benzen aus Hamburg zu Wort. Der 64-jährige weltläufige Benzen las zwei seiner Gedichte, »Die letzten Worte des Mittelmeers an ein sterbendes Kind« und »Syrischer Junge auf deutscher Klassenfahrt«. Die Lyrikerin mit tscherkessischen Wurzeln ein Gedicht aus ihrem Lyrikband »Kinder der verlorenen Gesellschaft«. Wenn ich mich doch vor der Welt verstecken könnten – »in einer Wolke vielleicht«, werden dort Wünsche nach einer freundlichen, friedlichen Welt artikuliert.

    Krieg darf nie mehr ein Meister aus Deutschland sein

    Gestandene Schriftstellerkolleginnen und -kollegen beteiligten sich, indem sie berühmt gewordene und wichtige Antikriegsliteratur der Vergangenheit ins Gedächtnis riefen: Leander Sukov, aus Bayern zugeschaltet, las Paul Celans »Todesfuge« und gab Erläuterungen zum »Writers-in-Exil«-Programm des PEN. Zwölf ausländische Autorinnen und Autoren würden in seinem Rahmen momentan hierzulande betreut, insgesamt waren es in den vergangen zwei Jahrzehnten 60 Kolleginnen und Kollegen. Ein solches Programm dürfte es »in einer vernünftigen Welt gar nicht geben«, so Sukov. Doch die reale Lage mache es nötig, es auszubauen, um solidarisch Autorinnen und Autoren zu helfen, die wegen des Kampfes für das freie Wort aus ihren Heimatländern fliehen müssen.

    Klassisches gab es auch musikalisch: Die Sängerin Anna Haentjes und Pianist Konstantin Nazarov starteten mit dem »Kälbermarsch« von Brecht/Eisler, trugen später auch Erich Kästners »Große Zeiten« und »Das Lied von den Grenzen« (James Krüss/ Udo Jürgens) vor. Bertolt Brechts »An die Nachgeborenen« wurde von VS-Kollegen Leonhard F. Seidel aus Franken gelesen, Carmen Winter aus Brandenburg trug Marie Luise Kaschnitz` »Hiroshima« vor.

    Eingeblendet wurden dazu eine Friedensbotschaft, die DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann zum 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki an den Vorsitzenden des japanischen Gewerkschaftsdachverbandes RENGO übermittelt hat. Der geplante Besuch in Japan musste wegen Corona leider ausfallen. Der japanische Amtskollege antwortete seinerseits mit einer Videobotschaft: Die Narben des Krieges seien auch nach einem Dreivierteljahrhundert noch nicht verschwunden. Sein Land und die nationalen Gewerkschaften sähen es als besondere Verpflichtung, für eine friedliche und sichere Gesellschaft einzutreten und stets von neuem zu überdenken, was im Rahmen internationaler Solidarität für ein friedliches Zusammenleben getan werden müsse. »Lassen Sie uns gemeinsam unser Bestes geben!« endete sein Appell.

    Atomwaffenverbot ratifizieren!

    Aufrüttelnd und nachdenklich machend waren auch die Worte, die der aus der Berliner Charité zugeschaltete Dr. Alex Rosen von Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges an das Publikum richtete. Er forderte, dass der 2017 ins Leben gerufene Atomwaffenverbotsvertrag endlich in Kraft gesetzt werden müsse. Von 127 Unterzeichnerstaaten hätten ihn bisher weniger als 50 ratifiziert. Auch von Deutschland »als Land, das Atomwaffen auf seinem Territorium hat«, sei keine Ratifizierung zu erwarten. Stattdessen beuge sich die Verteidigungsministerin der USA- und NATO-Forderung zur Anschaffung von 30 neuen Kampfbombern, deutsche Piloten trainierten regelmäßig den Abwurf von Atombomben. Doch sei der Atomwaffenverbotsvertrag ein »wichtiges Hebelwerkzeug« im internationalen Kampf gegen Kriegsgefahr. Er sei optimistisch, dass das Ratifizierungsquorum 2021 erreicht werde, so Rosen. Er forderte, die Finanzen für militärische Aufrüstung anders einzusetzen: »Es fehlt bei Corona, im Gesundheitswesen und in der Entwicklungsarbeit«.

    Gespräche in der DGB-Zentrale gab es mit dem Vorsitzendem Reiner Hoffmann, der daran erinnerte, dass »Waffengewalt noch nie Konflikte auf dieser Welt gelöst« habe. Angesichts wachsender sozialer Ungleichheit zwischen Regionen, Staaten und innerhalb von Gesellschaften trügen die Gewerkschaften eine besondere Verantwortung, Benachteiligten ihre Rechte zu erkämpfen. «Militärische Sicherheit ist keine Sicherheit. Soziale Sicherheit ist die beste Prävention«, sagte Hoffmann. Es brauche heute eine »neue Friedens- und Entspannungspolitik«. Dem Erstarken von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit müsse energisch entgegengetreten, Fluchtursachen müssten bekämpft werden. Für ein Nein zur Erhöhung von Militärausgaben, für weltweite Abrüstung und Rüstungskontrolle hatte sich auch ver.di-Vorsitzender Frank Werneke in einem eingeblendeten Statement ausgesprochen.

    Nie wieder Krieg! In die Zukunft investieren statt aufrüsten!

    Für uns Gewerkschaften ist der Antikriegstag 2020 ein besonderer Tag der Mahnung und des Erinnerns. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung Europas und der Welt vom Faschismus jähren sich zum 75. Mal. Mit seinem Überfall auf Polen riss Nazi-Deutschland 1939 die Welt in den Abgrund eines bestialischen Krieges, der unermessliches Leid über die Menschen brachte und 60 Millionen Tote forderte. 75 Jahre nach Kriegsende liegt es an uns, die Erinnerung an diese zahllosen Toten wachzuhalten und der Millionen von Holocaust-Opfern zu gedenken, die von den Nazis ermordet wurden. Und wir müssen die Erinnerung daran wachhalten, dass Deutschland angesichts der Menschheitsverbrechen der Nazis besondere Verantwortung für den Frieden trägt. Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! So lautet unumstößlich die Lehre, die wir Gewerkschaften aus der Geschichte gezogen haben – und für die wir uns heute wieder mit all unserer Kraft stark machen müssen (Aus dem DGB-Aufruf zum Antikriegstag 2020).

    Für sichere Fluchtwege und eine Seebrücke

    Über einen offenen Brief der DGB-Jugend an deutsche Spitzenpolitiker, mit dem die Situation der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln angeprangert und »Evakuieren Sie diese Lager!« gefordert wird, sprach Moderatorin Lena Falkenhagen mit Anna Kasparyan. Die DGB-Gewerkschafterin berichtete auch von der europaweiten Kampagne der Gewerkschaftsjugend »Leav No One Behind«. Mit politischen Aktionen und Druck auch auf die Bundesregierung setzt man sich für sichere Wege für Menschen auf der Flucht ein und unterstützt NGOs wie Seawatch im Kampf gegen die humanitäre Krise.

    Den Schlusspunkt des Antikriegstags-Livestreams setzte Comedian und Musiker Tommy Krappweis mit einem englischen Protestsong »aus nur drei Akkorden«. Zuvor hatte er mit einem eigenen Video aus dem Vorjahr für Dialog und Vorsicht bei der Auswahl seiner Informationsquellen eingesetzt: »Entdumm dich!« fordert das Lied.

    Helma Nehrlich

    Ein Artikel aus:

    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di
    © k+k


      

    Der Live-Stream ...

    ... kann weiter angesehen werden. Die Organisatoren vom DGB wollen auf der Seite auch Fotos, Texte und Videos mit persönlichen Friedensbotschaften einbinden. Zur Einsendung solcher Beiträge war im Vorfeld des Antikriegstages aufgefordert worden.