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    Gute Arbeit - auch in der Corona-Zeit

    Gute Arbeit - auch in der Corona-Zeit

    Werkstatt-Gespräch für Information, Austausch und Vernetzung - Viel Material für Betriebs- und Personalräte

    Von Ulrich Bareiß und Christian Humburg

    Gute Arbeit heißt Beteiligung – und diese muss stets aufs Neue hergestellt werden. Deshalb gab es die Werkstatt Gute Arbeit in diesem Jahr trotz der Pandemie, und zwar als  WebEx-Konferenz.

    Zum ganztägigen Werkstatt-Gespräch trafen sich Aktive aus den Betrieben, Hauptamtliche, Berater*innen, Referent*innen und in der Sozialwissenschaft Tätige zu Information, Austausch und Vernetzung. Besonders beschäftigte sie die Frage nach Kommunikation und Beteiligung unter Corona-Bedingungen.

    Gute Arbeit heißt Beteiligung – und diese muss stets aufs Neue hergestellt werden. Um Beteiligung als Haltung leben zu können, braucht es einen guten Austausch zwischen betrieblicher Mitbestimmung, Gewerkschaft und den Beschäftigten. Dabei gilt nicht erst seit Corona, die virtuelle Kommunikation mitzudenken und hierfür Tools und Ansätze zu entwickeln. „Wir möchten mit euch diskutieren, welche Erfahrungen ihr mit den Themen Beteiligung und Kommunikation macht, wo ihr Handlungsbedarfe seht und welche Ansätze ihr bereits entwickelt habt“, so Nadine Müller, Bereichsleiterin Innovation und Gute Arbeit.

    Beteiligung bedeutet auch, das Urteil der Beschäftigten als Grundlage für das gewerkschaftliche und betriebspolitische Handeln zu nehmen. Der DGB-Index Gute Arbeit ist dafür ein anerkanntes und seit Jahren bewährtes Instrument. Was der Index beinhaltet, welche Prozessschritte berücksichtigt werden müssen und wie der Index betrieblich genutzt werden kann, stellten zwei Experten aus dem Gute Arbeit-Netzwerk vor.

    Nadine Müller gab einen Einblick über die Vielzahl der laufenden Projekte bei ver.di (siehe dazu auch die Tabelle im PDF-Format). Arbeitsgrundlage dafür sind die Beschlüsse des ver.di-Bundeskongresses in Leipzig 2019. Auch hatte der Bundeskongress eine Offensive zum Thema Gute Arbeit beschlossen. Zur Offensive findet am 7./8.Sept. 2021 die Kick-off-Veranstaltung in Berlin statt. Eine weitere Veranstaltung ist für den 3. November 2021 zum Thema „Interaktionsarbeit als Element für Entgeltstrukturen“ in Vorbereitung.

    Beim Thema Homeoffice spüren Betriebs- und Personalräte mitunter eine Neiddebatte seitens der Beschäftigten. Manche wollen im Homeoffice arbeiten, dürfen aber nicht. Andere müssen im Homeoffice sein, würden aber gerne im Betrieb arbeiten. Ein schwieriges und sensibles Thema.

    Gute Arbeit: Mindestens 80 Punkte

    Thomas Krüger vom Umfragezentrum Bonn beschrieb die Systematik des DGB-Index Gute Arbeit, das Befragungsinstrument für Unternehmen und Verwaltungen. Das Instrument beziehungsweise der Fragebogen ist geeignet zur Messung der Qualität der Arbeitsbedingungen aus Sicht der Arbeitnehmer*innen. 42 Inhalte unterteilt in 11 Kriterien und den 3 Teilinizes „Ressourcen“, „Belastungen, “ und „Einkommen und Sicherheit“ ergeben den Gesamtindex. Niedrige Score- Werte in einem Bereich können durch hohe Werte in einem anderen Bereich kompensiert werden. Dies wurde anhand von Beispielen veranschaulicht. Gute Arbeit hat man, wenn der Index mindestens über 80 Punkte auf der Skala von 0 bis 100 beiträgt.

    Ralf Stuth, Organisationsberater und Experte im Netzwerk Gute Arbeit, gab zur betrieblichen Umsetzung wertvolle Hinweise. So muss im Betrieb grundsätzlich auch die Bereitschaft für Veränderung und Begleitung bestehen, auch „Change Management“ genannt. Die Ziele müssen abgestimmt und transparent sein. Auch die Betriebskultur ist zu berücksichtigen. All dies bedarf einer umfassenden Planung und Vorbereitung. Zwischen allen Beteiligten muss Klarheit und Einverständnis bestehen, auch darin, dass die Befragung vielleicht nicht alle Probleme und Konflikte lösen kann. Bereits in der Vorbereitung ist eine gute Beteiligung der Beschäftigten möglich. Die ver.di-Wandzeitung ist dabei ein einfaches Mittel zur Beteiligung.

    Astrid Schmidt, Referentin Innovation und Gute Arbeit, beschrieb das Thema „Kommunikation und Beteiligung unter Corona Bedingungen“ mit Bezug auf das Ergebnis der letztjährigen Werkstatt so: Die seit über einem Jahr andauernde Pandemie stellt die Arbeitnehmer vor besondere Herausforderungen, weil sich die Arbeitswelten in kürzester Zeit verändert haben. Aber welche Lehren, Erfahrungen und Schlussfolgerungen folgen daraus? Wie kann ein „neues Neues Normal“ für die Arbeitswelt nach Corona aussehen? Welche Themen werden uns beschäftigen und was sind die Handlungsfelder?

    „Es ist eine besondere Herausforderung mit der Belegschaft in Kontakt zu bleiben“, damit eröffnete Pit Kunkel von „Orka – Organisieren und Kampagnen“ sein Referat. Er gab dazu zunächst den Hinweis, die eigene Grundhaltung zu überdenken. Nicht die Frage „Was ist nicht möglich“, sondern „Was können wir möglich machen“, solle im Vordergrund des betrieblichen Handelns stehen. Präsenz und digitale Formate sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern können als Zwischenformate und in Form von Hybridveranstaltungen genutzt werden. Digitale Besprechungskultur einzuführen, heißt digitale Kompetenz zu entwickeln.

    Das beginnt mit dem Zugang zur Technik und dem Technik-Check, denn nichts nervt mehr als schlechte Qualität. Die Besprechung sollte beteiligungsorientiert geführt werden, damit alle am Ball bleiben. Beim Aufbau eines betrieblichen, digitalen Kommunikationsnetzwerkes ist es wichtig, die Themen zu setzen. Dabei sollen die Themen der Beschäftigten zu Themen von ver.di gemacht werden. Bei der betrieblichen Kommunikation ist die Beteiligung das A und O. Dazu ist Feedback und Diskussion nicht nur erwünscht, sondern erforderlich. Durch Aufbau eines Spannungsbogens können informierende Aktionen, aktivierende Aktionen und Druckaktionen erfolgreich durchgeführt werden.

    Wichtig ist auch eine maßgeschneiderte Beteiligung entsprechend der Zielgruppe. In der Diskussion gab Kunkel noch den Hinweis, dass es besser sei, wenige Kanäle zu bespielen und diese in die Tiefe anstelle in die Breite zu bringen. Man müsse auch beachten, dass mündliche Botschaften und schriftliche Kommunikation unterschiedlich zu sehen sind.

    Arbeitsgruppen zur Praxis

    In den Arbeitsgruppen fand ein sehr intensiver Austausch mit Betriebs- und Personalräten statt. Mit folgenden Fragen wurde gearbeitet:
    1. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus den Beiträgen?
    2. Was passt zu meinem Unternehmen, meiner Verwaltung, meinem Betrieb?
    3. Was könnte außerdem in meinem Betrieb hilfreich sein?
    4. Welche Fragen habe ich?

    In der ersten Arbeitsgruppe ging es um erfolgreiche Praxisbeispiele zur Umsetzung der Befragung zu Guter Arbeit. Hier betonten die Teilnehmer, wie wichtig eine gute Planung und eine Definition der Handlungsfelder und Probleme sei. Weiter müssen die Ergebnisse präsentiert werden, nur dadurch lässt sich Vertrauen schaffen.

    In der zweiten Arbeitsgruppe wurde die Kommunikation der betrieblichen Umsetzung diskutiert. Betriebsbezogen gab es eine Vielzahl an guten und sehr kreativen Beispielen. So fand beispielsweise eine Betriebsversammlung mit großer Leinwand im Freien auf dem Betriebsgelände statt. Eine Verwaltung hat einen Nachrichtenkanal für eine wöchentliche Kommunikation „gemeinsam durch die Krise“ eingerichtet. Kurze Zeitabstände bei Onlinesitzungen funktionieren laut Erfahrung besser. Ein Betrieb informierte nach jeder BR-Sitzung mittels Videobotschaft im Intranet die Belegschaft. Auch das Uralt-System Brief wurde wieder ausgegraben. Zur ver.di-Haltearbeit hat jeder einen Neujahrsbrief mit Hygienetüchern erhalten. Und die telefonische Ansprache „Wie fühlst Du Dich im Homeoffice?“ war ein erfolgreiches Instrument zur Mitgliedergewinnung.

    In der dritten Arbeitsgruppe wurden Impulse für die hauptamtliche Praxis vorgestellt. Aktionsideen zu Corona-Zeiten wurden am Beispiel Dialogoffensive Mobile Arbeit und Home Office aufgezeigt. An Hand eines Gesprächsleitfadens kann die Ansprache durch Vertrauensleute und Aktive im Homeoffice unterstützt werden.

    Die Diskussionen des Tages erstreckten sich auch in die Richtung, was nach der Pandemie digital bleiben wird und welche Rechte die Betriebs- und Personalräte dazu haben.

    Unsere Autoren

    Ulrich Bareiß
    © Heinz Wraneschitz

    Ulrich Bareiß ist Ingenieur und Mitglied im Bundesvorstand der Fachgruppe Industrie/Industrielle Dienstleistungen wie auch im Bundesausschuss mti (Meister*innen, Techniker*innen, Ingenieur*innen). Im ver.di-Landesbezirk Bayern ist er in weiteren Gremien und Bereichen engagiert.

    Christian Humburg
    © Ulrich Bareiß

    Christian Humburg ist Ingenieur der Nachrichtentechnik und Mitglied des mti (Meister*innen, Techniker*innen, Ingenieur*innen). Er ist im ver.di-Landesbezirk Bayern und im ver.di-Bezirk München engagiert und Mitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau.

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    Industrie-Report April 2021
    © ver.di/einsatz Wolfgang Wohlers